Aus der Angst in die Freiheit – mein Leben heute

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Erst einmal möchte ich mich bei euch bedanken. Nach meinem letzten Beitrag zum Thema „Angst“ habe ich über Kommentare, Mails, Facebook und andere Wege sehr viele positive Rückmeldung und bestärkende Worte von euch erhalten. Es tut sehr gut von euch darin bestärkt zu werden mit diesen Dingen offen um zu gehen und es bedeutet mir sehr viel, wenn ich euch mit meinen Worten erreiche und berühre. Danke :*

Mein Leben heute
Wie sieht mein Leben nun aus seit dem Jahr in dem ich lernte meine Ängste zu besiegen? Lebe ich jetzt vollkommen angstfrei? Hatte ich seitdem nie wieder Panikattacken?
Nun, ich erinnere mich noch sehr gut daran wie ich in der Hochphase meiner Angststörung eine Reportage im Fernsehen sah in der es um Angststörungen und Panikattacken ging. Das Schlusswort der Moderatorin sollte mich lange Zeit quälen. Die adrett gekleidete Dame blickte in die Kamera und verkündete mit einem etwas mitleidigen Blick das es Menschen mit einer Angststörung nicht möglich sei geheilt zu werden, man könne nur lernen mit seiner Angst zu leben.
Ich saß da und traute meinen Ohren nicht, was hatte diese Frau gerade gesagt? Ich war also dazu verdammt für den Rest meines Lebens jeden Tag diese Ängste durchleben zu müssen und alles was mir übrig blieb war damit irgendwie klar zu kommen? Das glaubte ich tatsächlich von da an viele Jahre lang. Heute weiß ich das dem nicht so ist, auch hier verhalf mir die Autorin des Selbsthilfebuches zu einem neuen Blickwinkel verhalf. Sie vermittelte mir die Botschaft: „Natürlich ist es möglich, seht her, ich lebe es!“
Wenn ich heute aufstehe, dann bin ich frei, ich kann tun und lassen was ich will ohne unbegründete, diffuse Angst zu haben. Ich denke nicht einmal an meine Ängste. Ich gehe ins Bad, putze mir die Zähne, wasche mich, kleide mich an, lege Schminke auf und fahre zur Arbeit. Dort treffe ich meine Kollegen, ich rede, lache, kümmere mich um meine Aufgaben und fühle mich gut. Zum Feierabend fahre ich zurück oder zu Freundinnen, oder ich gehe in den Supermarkt einkaufen, fahre noch eine Runde Inliner um den See, gehe zu einer Yogastunde oder was auch immer. Wenn ich Zeit habe besuche ich Konzerte, gehe auf Partys oder in Clubs tanzen, ich bewege mich vollkommen frei und das ist für mich ein unglaublicher Luxus. Der Luxus besteht nicht nur darin all diese Dinge zu tun – ein paar Sachen habe ich auch in meiner Angsthasenzeit getan – sondern sie zu tun ohne dabei einen Gedanken an meine Ängste zu verschwenden. Ohne mich selbst zu beobachten, körperliche Symptome zu überwachen und immer in Fluchtstellung zu sein. Ich liege nicht mehr Nachts wach und habe Angst vor dem nächsten Tag weil mir bei allem was ich tue schreckliche Panikattacken widerfahren könnten. Ich bin entspannt, ich lebe, ich liebe, ich genieße.
Doch trotzdem hat die Frau im Fernsehen damals mit ihren Worten nicht generell Unrecht gehabt. Meine Erkrankung wird immer ein Teil von mir sein, offensichtlich habe ich gewisse Veranlagungen die dazu geführt haben das ich überhaupt mit diesen Problemen in Kontakt kam. Was mich geheilt hat hält mich auch auf einem gesunden Level. Ich habe gelernt mit meinen Ängsten zu leben und umzugehen, dass bedeutet nicht das ich sie mich tagtäglich aufsuchen wie früher. Um meine Angsterkrankung hinter mir zu lassen musste ich mein Leben und Verhalten komplett umkrempeln. Ich musste lernen anders zu handeln und ganz anders zu denken als ich es vorher tat. Dadurch ist aus mir auf gewisse Art und Weise ein neuer Mensch geworden, ein Mensch der anders denkt und handelt. Aber meine ursprünglichen Konditionierungen sind natürlich immer noch ein Teil von mir. Wenn ich von diesen Wegen abweiche, wenn ich in alte Verhaltensmuster hinein rutsche, dann kommt auch die Angst zurück. Doch das Bedeutende ist – ich bin kein ohnmächtiges Opfer, ich weiß woher bestimmt Symptome rühren und wie ich sie wieder los werde. Ich hatte Panikattacken, dass bedeutet ich werde mein Lebtag immer wieder einmal Panikattacken erleiden können. Mein Körper hat das in seinem Reservepetto für den Fall das ich besonders gestresst oder unachtsam mit mir und meinen Bedürfnissen bin, mich in Sorgen und Ängste fallen lasse oder mich in besonders unangenehme angstbesetzte Situationen befinde. Doch diese Gewissheit stört mich nicht, denn ich weiß heute wie ich mit diesen Attacken umzugehen habe. Natürlich ist die Tatsache bisher noch nie eine Angstattacke erlebt zu haben auch kein Garant für lebenslange Unversehrtheit, Angst und Panik kann uns alle treffen, egal wie alt wir sind und was wir bisher erlebt haben.
Es gibt auch heute noch Tage an denen es mir mal schlechter geht, doch wenn ich anfange zu grübeln oder Angst vor der Angst zu entwickeln tippe ich mir ganz schnell auf die Schulter und mache mich darauf aufmerksam Blödsinn zu treiben. Da sind bestimmt manchmal Situationen die mir schwerer fallen als anderen Menschen. Wenn ich zum Beispiel auf einem Konzert bin und irgendwo mitten in der engen Menschenmenge stehe dann kann es durchaus passieren das sich eine alte Gewohnheit bei mir meldet und ich anfange darüber nachzudenken das ich ja grad sehr ungünstig stehe, ziemlich eingesperrt und nur wenige oder vermeintlich keine Fluchtwege zugegen sind. Doch dann erinnere ich mich wieder selbst daran was ich grade tu und lenke meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes. Das passiert mir aber nur bei einem Konzert von zehn und nicht jedes Mal.
Wenn ich in einem großen vollen Kaufhaus stehe passiert es mir auch jetzt noch alle Jubel Jahre das mir plötzlich schwindelig wird, meine Beine schwer werden oder mein Herz stolpert. Doch ich weiß wie ich mich in einem Augenblick zu verhalten habe, ziehe mein Ding durch und es ist gut. Es bewegt mich nicht mehr wenn ich aus dem Geschäft heraus gehe und auch nicht, wenn ich das nächste mal hinein muss. Seit ich angstfrei lebe hatte ich 2 richtige Panikattacken die aus zwei sehr exemplarischen Situationen heraus entstanden. Die erste war vor etwas vier Jahren als ich mein erstes eigenes Auto hatte. Aus einer führerscheinlosen Familie stammend wurde mir Zeit meines Lebens mitgegeben wie fürchterlich gefährlich das Auto fahren ist und wie groß die Sorge meiner Eltern wäre wenn ich einst einen eigenen Führerschein hätte und auf den Straßen der Welt unterwegs bin. Mit all diesen Dingen und allerhand eigener Ängsten und Unsicherheiten (die sicherlich die meisten Fahranfänger haben) im mentalen Gepäck machte ich also meine ersten eigenständigen Fahrversuche. Was ich mir jedoch leider nicht bewußt machte: Ich verbrachte jede Minute im Auto damit mich in meine Ängste hinein zu steigern. Ich hatte Sorge etwas kaputt zu machen, mich falsch zu verhalten, einen Unfall zu haben oder mich zu blamieren indem ich mein Auto abwürge, zu spät losfahre oder irgendetwas anderes dummes tue. Alles fühlte sich fremd, komisch und irgendwie auch bedrohlich an. Anstatt mich zu beruhigen lies ich meinen Gedanken einige Tage freien lauf. Nach kurzer Zeit, es mögen ein 2-3 Wochen gewesen sein, stand ich mit meinem Auto an einer großen dreispurigen Kreuzung und wartete auf eine grüne Ampel. Eben noch mit meinen üblichen Sorgenkarussell beschäftigt wurde mir auf einmal ganz ungemütlich zu Mute. Mein Herz raste, eine extreme Beklemmung machte sich breit, Schwindel überkam mich und ich hatte nur noch einen Gedanken: „Ich muss hier raus“. Ich fühlte mich schrecklich, eingesperrt auf der linken von drei Spuren zwischen wartenden Autos ohne die Möglichkeit zu flüchten – wenn man von der Idee aus dem Auto zu steigen und einfach wegzurennen absieht. Natürlich unternahm ich nichts sondern hielt den Zustand aus ohne zu sterben und fuhr bei grün weiter. Erst jetzt wurde mir klar wie sehr ich in alte Verhaltensmuster zurückgefallen war und wie sie sich bis zu einer Panikattacke zugespitzt hatten.
Die zweite Attacke ereignete sich letztes Jahr auf unserem Flug nach Irland. Eine Kette von Ereignissen im Flugzeug, gepaart mit meiner latent vorhandene Flugangst und den Nachrichtenmeldungen um ein derzeit erst kürzlich abgestürztes Flugzeug im Hinterkopf, führten zu einer sehr unangenehmen Panikattacke bei der ich gewiss war gerade dem sicheren Tod ins Auge zu blicken. Mit dem Unterschied das ich diesmal keine Angst vor der Attacke hatte, sondern sich alles um das vermeintlich abstürzende Flugzeug drehte.
Angst gehört zu den Themen im Leben denen wir nicht aus dem Weg gehen können. Das Gefühl der Angst ist es soll unser Überleben sichern, es gibt Situationen in denen Angst berechtigt, richtig und wichtig ist. Es geht also nicht darum jede Angst einfach auszuschalten, sondern krankmachende Ängste los zu lassen. Wenn ich heute davon spreche angstfrei zu leben dann meine ich damit eben jene gestörte Wahrnehmung meiner Umwelt und nicht mein natürlicher Respekt vor wirklichen Gefahren.
Viele neu erlernte Verhaltensmuster werden über die Monate und Jahre zu unserer zweiten Natur. Um welche Verhaltensweisen es sich handelt, woran genau ich in dem Jahr so intensiv gearbeitet habe und was ich anderen Betroffenen mitgeben kann erfahrt ihr im dritten Angst-Bericht.

Photo Credits: Keep Breathing Bild

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2 Kommentare
  1. Andre sagte:

    Wie kann es sein, dass dieser Blogbeitrag noch keine Kommentare hat? Ein sehr gut geschriebener Artikel in dem ich mich an einigen Stellen selbst erkenne. Ich war selbst 6 Jahre lang Angstpatient und würde mich mittlerweile als geheilt bezeichnen. Geheilt in dem Sinne, dass Angst mein Leben nicht mehr beherrscht. Jeder hat manchmal Angst und jeder fühlt sich in bestimmten Situationen gestresst. Und das ein Übermaß an Stress auch bei gesunden Menschen Angst und Panik auslösen kann, ist ja kein Geheimnis. Deshalb ist es schwer zu sagen, wann eine Angststörung geheilt ist und wann nicht. Natürlich ist man als Ex-Betroffener anfälliger für bestimmte Gedankenmuster. Aber ob die Reaktion dann im Endeffekt noch in die Kategorie „Angststörung“ zählt, wenn diese nur selten vorkommt, ist meiner Meinung nach fragwürdig. Eine Störung liegt meiner Ansicht nach nur vor, wenn das Leben durch anhaltende, regelmäßige Angst und Panikattacken zur Tortur wird. Und das ist bei mir und bei dir ja anscheinend auch einfach nicht mehr der Fall.

    LG Andre

    https://www.mindeed.de/blog

  2. Denise sagte:

    Sehr schöner Artikel und klingt alles so plausibel Darf ich dich fragen von welchem Selbsthilfebuch die Rede ist :)?

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